Stolperstein-Putzen zur Erinnerung und gegen Hass.

Am 22. März 2018 trafen sich Jugendliche der Amadiyya-Gemeinde Koblenz und unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig zum Putzen von „Stolpersteinen“. Anlass war ein dreifacher: An diesem Tag jährte sich zum 76. Mal die 1. Deportation von Juden aus Koblenz und Umgebung „nach dem Osten“ und damit in den Holocaust. Auch war die diesjährige Woche der Brüderlichkeit (11. – 18. März 2018) gerade beendet und die beiden Wochen gegen Rassismus (12. bis 25. März 2018) neigten sich dem Ende zu. Es gab also genug Anlass, sich an die Menschheitsverbrechen der Nazis und ihrer Opfer zu erinnern.

Über diese gelungene Veranstaltung berichtete der „Schängel“ Nr. 13 vom 28. März 2018 in seiner Reihe „Erinnerung an NS-Opfer“.

Lesen Sie dazu den Artikel HIER und betrachten Sie die nachfolgende Bilderstrecke.




 

 


 

10. Verlegeaktion von "Stolpersteinen".

Am 12. März 2016 wurden zum 10. Mal in Koblenz "Stolpersteine" verlegt. Alle damit bedachten NS-Opfer waren jüdische Bürger.

Ein Stein erinnert in Koblenz-Metternich gegenüber der Trierer Straße 316 an Karl Siegler. Dort wurde er am 6. April 1904 als Sohn der Eheleute Hermann Josef Siegler und Amalie, geb. David, geboren. Er war das 10. von 11 Kindern. Wie sein Vater, der bis zu seinem Tod im Jahr 1930 eine Metzgerei in der Trierer Straße 316 betrieb, wurde Karl Metzger. Er heiratete dann eine Nichtjüdin, die evangelische Christin Dorothee Helene Thelen, geborene Rohleder. Weil er Jude war, wurde Karl Siegler zunehmend ausgegrenzt und schikaniert. Er verlor seine Arbeit und musste von der Fürsorgeunterstützung leben. Dabei brachten ihn die immer restriktiveren Gesetze schon bald ins Gefängnis: Weil er gewisse Nebeneinkünfte gegenüber dem Wohlfahrtsamt nicht angegeben hatte - so der Vorwurf -, musste er für drei Monate in Haft. Dies war für das Nazi-Organ "Koblenzer Nationalblatt" ein gefundenes Fressen, um ihn und damit "die" Juden an den Pranger zu stellen. Kaum wieder in Freiheit wurde er im Rahmen der Novemberpogrome ("Reichspogromnacht" am 9./10. November 1938) in das Konzentrationslager Dachau bei München verschleppt. Nach einigen Wochen kam er wieder frei und musste dann als dienstverpflichteter Jude Arbeiten im Straßenbau und beim NS-Kraftfahrkorps leisten. Wegen seiner Ehe mit einer "Arierin" blieb er von den ab März 1942 stattfindenden Deportationen jüdischer Bürger verschont. Das änderte sich aber, als seine Frau im Januar 1944 starb. Wiederum brachte man ihn - der Grund dafür ist nicht bekannt - ins Gefängnis. Als der schwere Luftangriff der Alliierten Anfang November 1944 die Altstadt von Koblenz weitgehend und auch das Gefängnis zerstörte, konnte Karl Siegler fliehen. Ihm gelang es, mit Hilfe von Unterstützern sich in einer Mühle im Maifeld zu verstecken und so zu überleben. Nach der Befreiung kehrte er nach Koblenz-Metternich zurück. Dort betrieb er eine Metzgerei. Das war erst in den Räumen eines ermordeten jüdischen Metzgers, dann - nach einem jahrelangen Rechtsstreit um das elterliche Eigentum (seine Mutter war 1943 ins KZ Theresienstadt deportiert worden und dort umgekommen) - setzte er sein Geschäft in der Trierer Straße 316 fort. Siegler war ein großer Förderer des Sports in Metternich, des Fußballvereins Germania Metternich und des Ringerclucs ASV Eiche Metternich. Karl Siegler starb 1967 und ist auf dem jüdischen Friedhof von Koblenz begraben.

Lesen Sie dazu bitte:

Blick aktuell - Ausgabe Koblenz - Nr. 13/2016 vom 31. März 2016, Seite 6

Wir von hier - Beilage zur Rhein-Zeitung - Nr. 14 vom 8. April 2016

 

Weitere Stolpersteine verlegte Gunter Demnig für die Familie Hellendag.(s. Bild oben) Das Schicksal dieser holländisch-deutschen Familie (Vater, Mutter und Tochter Eva), die in Koblenz-Horchheim beheimatet war, ist dank der vielfältigen Erinnerungsarbeit unvergessen. So gibt es von der Tochter Eva eine Autobiografie (Eva Salier: Lebensweg einer Koblenzer Jüdin, Annweiler 2001). Und unser Förderverein dokumentiert ihr Schicksal auf einer Personentafel in der Dauerausstellung, sowie auf dieser Homepage , auf der Personentafeln Nr.45
Auch halten die Horchheimer Heimatfreunde die Erinnerung an die im letzten Jahr in den USA verstorbene Eva Salier wach. Einen Presseartikel dazu lesen sie bitte bei: Blick aktuell - Ausgabe Koblenz - Nr. 14/2016 vom 7. April 2016

Die 10. Verlegeaktion fand ihren Abschluss in der Rizzastraße 37. Dort wurden für die Familie Cohn 6 Steine verlegt. Die Chons lebten in Koblenz in - wie man so sagt - gutbürgerlichen Verhältnissen. Der Ehemann Siegfried betrieb das Schuhhaus Fischel im Entenpfuhl, seine Frau Selma zog die drei Kinder auf: das älteste, die Tochter Anneliese, und die beiden Jungen Walter Joseph und Kurt. Dann brach auch über diese jüdische Familie die Katastrophe des Nationalsozialismus mit seinem Rassenwahn herein. Immer mehr spürten sie, wie sie im Alltag ausgegrenzt und schikaniert wurden. Auch machten die Nazis und ihre Helfer es ihnen immer schwerer, ihr Schuhgeschäft zu betreiben. Im Rahmen der Novemberpogrome 1938 ("Reichspogromnacht" vom 9./10. November 1938) nahm man den Vater Siegfried und die Söhne Walter Joseph und Kurt in in Koblenz in "Schutzhaft" und verschleppte sie in das Konzentrationslager Dachau bei München. Nach einiger Zeit kamen sie wieder frei. Der Vater kehrte nach Koblenz zu seiner Familie zurück, die beiden Söhne emigrierten. Walter Joseph floh in die USA, Kurt nach Australien. Beide fassten dort Fuß, gründeten eine Familie und schufen sich eine neue Existenzgrundlage. Für die Eltern Siegfried und Selma Cohn gingen in Koblenz die Schikanen weiter. Sie mussten ihr Haus verlassen und in ein sog. Judenhaus zusammen mit anderen Juden umziehen und in sehr beengten Verhältnissen leben. Im Jahr 1942 wurden sie zusammen mit vielen anderen Koblenzer Juden "in den Osten" deportiert, in das polnische Städtchen Izbica im sog. Generalgouvernement. Dort fanden sie den Tod. Entweder kamen sie in den menschenunwürdigen Verhältnissen in Izbika um oder sie wurden Monate später in ein in der Nähe gelegenes Vernichtungslager (wahrscheinlich Sobibor oder auch Chelmno) verschleppt und dort mit Giftgas ermordet. Ihre Tochter Anneliese, die inzwischen geheiratet hatte und mit ihrem Mann Robert Fröhlich in Köln lebte, wurde von dort mit ihm zusammen zunächst in das Ghetto Lodz (Litzmannstadt) deportiert und dann im Vernichtungslager Chelmno mit Giftgas ermordet.


 

100. Stolperstein in Koblenz – Verlegung am 13. November 2014

Wie wir von Herrn Hans-Peter Kreutz von der Christlich-Jüdischen Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz erfahren haben, werden am Donnerstag, dem 13. November 2014, wieder „Stolpersteine“ in Koblenz verlegt. Es ist die 9. Aktion des Kölner Gunter Demnig in Koblenz. Demnig hat für den 13. ein umfangreiches Programm vorgesehen, dessen Höhepunkt am Mittag die Verlegung des 100. Stolpersteins in Koblenz auf dem Zentralplatz ist.

Gegen 10.00 Uhr beginnt das Programm Demnigs mit der Verlegung des 1. Stolpersteins in Braubach. In Anwesenheit des dortigen Stadtbürgermeisters und Angehörigen des NS-Opfers wird ein Stolperstein für einen Behinderten und nicht an das NS-Unrechtsregime „Angepassten“ verlegt. Ihm war es gelungen, vor der auch ihm drohenden Verschleppung in eine NS-Tötungsanstalt aus dem „Pflege“heim zu fliehen. Alsbald wurde er aber aufgegriffen und in ein Konzentrationslager verschleppt. Dort kam er – wie man so sagt – um. Angehörige von ihm, der ledig gestorben ist, haben in der letzten Zeit sein Schicksal recherchiert und die Verlegung des 1. Stolpersteins in Braubach organisiert. Sie werden bei der Verlegung auch anwesend sein.

Anschließend kommt Gunter Demnig nach Koblenz und verlegt einen Stolperstein in Metternich, Trierer Straße 248. Als Beginn ist 11.15 – 11.30 Uhr vorgesehen. Dieser Stolperstein erinnert an den jüdischen Arzt Dr. med. Johann (Hans) Reiner. Reiner hat für Juden eine ungewöhnliche Verfolgungsgeschichte und stammt auch nicht aus einer Koblenzer Familie. Geboren wird er im Jahr 1886 in Teplitz/Österreich. Er durchläuft die Ausbildung als Mediziner und kommt als Medizinal- und Regierungsrat nach Koblenz.

Am 29. Juli 1927 eröffnet er seine Arztpraxis in dem damals noch selbständigen Metternich in der Trierer Straße 248. Der jüdischen Kultusgemeinde in Koblenz schließt er sich nicht an. Offenbar steht er der Religion recht fern. Dafür spricht auch, dass er mit der im Jahr 1897 in Sarrebourg/Lothringen geborenen französischen Staatsangehörigen Madeleine, geb. Schmitt, verheiratet ist, sie ist Katholikin. Dieser persönliche und familiäre Hintergrund ist dann offensichtlich Anlass für die Feststellung der Koblenzer Gestapo, „Reiner hat am 21. November 1935 anlässlich seiner 25-jährigen Praxis in der katholischen Kirche in Metternich ein feierliches Amt lesen lassen. Er ist wohl katholisch getauft, aber jüdischer Abstammung.“

Lange bleibt Reiner nicht in Metternich. Er ahnt wohl, was ihm bevorsteht. Denn er wird von der Gestapo überwacht und steht ausweislich eines Vermerks vom 31. Oktober 1935 unter Spionageverdacht. Im Juli 1937 weiß die Koblenzer Gestapo, dass er nach Prag geflohen und Emigrant ist. Diese Flucht hat für ihn noch ein Nachspiel. Denn hierbei soll er ein Devisenvergehen begangen haben. Jedenfalls verurteilt ihn die Strafkammer des Landgerichts Koblenz in Abwesenheit zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis.  

Während der „Sudetenkrise“ – am 4. August 1938 - erwirbt Reiner die tschechische Staatsangehörigkeit. Nach dem „Münchner Abkommen“ (30. September 1938) und der „Zerschlagung der Rest-Tschechei durch Hitler (15. März 1939) arbeitet Reiner in Prag, in dem von Hitler-Deutschland besetzten Tschechien (dem Protektorat Böhmen und Mähren) als leitender Kinderarzt. Aber wohl bald gerät er wieder in das Blickfeld der Gestapo.  Er wird wegen angeblichen „Schleichhandels“ von der Gestapo verhaftet. Diese hält ihn zunächst in ihrem eigenen Gefängnis, dem berüchtigten Prager Gestapogefängnis Pankrác gefangen.

Am 20. März 1945 bringt man ihn in die Kleine Festung Theresienstadt/Terezín, die unter der Bezeichnung „Geheime Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Prag, Polizeigefängnis Theresienstadt“ als Filiale des Prager Gestapogefängnisses firmiert. Die Kleine Festung ist vor allem Haftort für Angehörige des tschechischen Widerstandes gegen die nationalsozialistische Besatzung. Inhaftiert sind dort auch tschechische Politiker und Künstler, Geistliche und Journalisten. Seit 1943 ist die Kleine Festung schließlich Hinrichtungsort für ca. 250 Menschen. Einer von diesen ist Dr. Johannes Reiner. Fünf Wochen nach seiner Einlieferung wird er am 26. April 1945 um 6.00 Uhr morgens hingerichtet. Aller Voraussicht nach wird Reiner als tschechischer Widerstandskämpfer ermordet. Die letzte Exekution in der Kleinen Festung Theresienstadt findet eine Woche später, am 2. Mai 1945, statt. An diesem Tag sind 49 Männer und drei Frauen aus dem tschechischen Widerstand die Opfer.

Die Initiative für die Verlegung dieses Stolpersteins geht von einer Enkelin Dr. Reiners, Frau Christine Müller, aus. Frau Müller hat – soweit das möglich war – das Schicksal ihres Großvaters recherchiert. Sie wird mit ihrer Familie bei der Verlegung des Stolpersteins in Metternich, Trierer Straße 248, anwesend sein und sicherlich einige Worte an die Anwesenden richten.

Von Metternich aus wird die Aktion fortgesetzt auf dem Zentralplatz in der Innenstadt. Dort findet gegen 12.30 Uhr die Verlegung des 97., 98., 99. und 100. Stolpersteins vor dem Forum Confluentes - an der Kreuzung Clemensstraße/ Viktoriastraße – in Anwesenheit des Oberbürgermeisters Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig und SchülerInnen und LehrerInnen  der Diesterweg- und der Hans-Zulliger-Schule statt.

Die vier Steine erinnern an die Familie Kaufmann, die in der früheren Balduinstraße 37 lebte. Die fünfköpfige Familie lebte seit 1920 in Koblenz und seit 1936 in der Balduinstraße. Der Vater Hermann Kaufmann war gebürtig aus Boppard. Er zog bald in die Schweiz nach Zürich, kehrte aber zu Beginn des Ersten Weltkrieges nach Deutschland zurück, um dafür zu kämpfen. Während des Krieges war er Soldat und wurde mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Er und seine Frau Hedwig, geb. Abraham, hatten drei Söhne. Die ganze Familie wurde mit der 1. Deportation am 22. März 1942 nach Izbica in das von den Deutschen besetzte „Generalgouvernement“, verschleppt: die Eltern und die beiden jüngeren Söhne Hans Jakob und Ernst, die noch Schüler waren, vom Koblenzer Güterbahnhof in Lützel aus. Der älteste Sohn Alfred (geb. 1922), war ebenfalls in dieser Deportation, die für ihn allerdings seinen Ausgangspunkt in Bendorf-Sayn hatte, wo er Hilfspfleger in der Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt war. Der für Koblenz 100. Stolperstein wird für den jüngsten Sohn, den bei der Deportation 11jährigen Ernst, verlegt.

100 Steine - 100 Schicksale: Ein Artikel der Rhein Zeitung vom 11. November 2014 HIER lesen

Einen Presseartikel der Rhein Zeitung vom 14. November 2014 HIER lesen

im Folgenden einen SWR-Mitschnitt mit Joachim Hennig:

 

Zur Verlegung des Stolpersteins für ihren Großvater hat seine Enkelin, Frau Christine Müller, ein Gedenkblatt erarbeitet, das (nachfolgend)  HIER dokumentiert wird

 

 


 

 

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