1.Station : Ehemalige Synagoge auf dem Florinsmarkt – Bürresheimer Hof

 

 

Der Novemberpogrom 1938, den die Nazis „Reichskristallnacht“ und wir Nachgeborenen zunächst „Reichspogromnacht“ nannten, fand überall im damaligen Deutschen Reich und auch hier in Koblenz statt.

Stimmen wir uns dafür ein: Das Jahr 1938 war ein Schicksalsjahr für die Juden in Deutschland und auch für die in Koblenz. Seit der Machtübernahme am 30. Januar 1933 hatten die Nationalsozialsten und ihre vielen, viel zu vielen Helfer die Juden immer mehr ausgegrenzt und diskriminiert. Mittlerweile lebten diese in einem „Ghetto“, in sozialer und kultureller Isolation. Zudem war ihre Lage geprägt durch die Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben. 

Seinen grausamen Höhepunkt hatte das Schicksalsjahr 1938 im Novemberpogrom vom 9./10. November 1938. Der Pogrom bedeutete einen Rückfall in die Barbarei. In einer Nacht wurden die Errungenschaften der Aufklärung, der Emanzipation, der Gedanke des Rechtsstaats und die Idee von der Freiheit des Individuums zuschanden. Seit dem 15. Jahrhundert hatte es in Mitteleuropa eine solche Judenverfolgung nicht mehr gegeben. Und dabei war der Novemberpogrom nicht – wie die im Mittelalter – ein unorganisierter, unkontrollierter Ausbruch von Gewalttätigkeiten. Vielmehr war er regelrecht programmiert und in Szene gesetzt von staatlichen und quasi-staatlichen Instanzen.

Ganz beiläufiger Anlass, der den Nazis aber „hervorragend“ in ihre Verfolgungspolitik passte und den sie mit ungeheurer Propaganda für ihre Verbrechen ausnutzten, war das Attentat auf den Botschaftssekretär Ernst vom Rath. Vom Rath wurde am 7. November 1938 von dem 17-jährigen Juden Herschel Grynszpan in der deutschen Botschaft in Paris tödlich verletzt. Am Nachmittag des 9. November 1938 starb er an seinen Verletzungen. Als Reichspropagandaminister Goebbels die Nachricht erfuhr, jubelte er: „Nun aber ist es gar.“

Am jenem 9. November 1938 waren wie jedes Jahr alle Nazigrößen in München versammelt. Anlass dafür war das Gedenken an den „Marsch auf die Feldherrnhalle“ – an den missglückten Hitler-Ludendorff-Putsch am 9. November 1923. Kernpunkt der Feierlichkeiten war wie stets der Kameradschaftsabend, bei dem sich die „alten Kämpfer“ um Hitler scharten. Diesen Rahmen nutzte Goebbels zur Inszenierung eines allgemeinen Pogroms. Als Hitler schon die Versammlung verlassen hatte, machte er sich ans Werk. Gegen 22 Uhr verkündete er den Tod vom Raths und hielt eine hasserfüllte antisemitische Rede. Sie gipfelte in dem Appell nach Vergeltung und Rache. Goebbels verlangte, dass die Partei überall im Land „Demonstrationen“ gegen die Juden durchführen müsse. Dabei sollte der Eindruck erweckt werden, dass es sich bei den Aktionen um „Ausdruck des „spontanen Volkszorns“ handelte. 

Die Goebbels-Rede war das Signal zum Losschlagen und Handlungsanweisung zugleich. Seine Weisungen wurden von allen anwesenden Parteiführern so verstanden, dass die Partei nicht nach außen als Urheber der Aktionen in Erscheinung treten, sie in Wirklichkeit aber organisieren und durchführen sollte. Die gaben dann die Weisungen in diesem Sinne sofort fernmündlich an die Dienststellen ihrer Gaue weiter. Zudem schickte der Chef der Gestapo in Berlin ein geheimes Fernschreiben an alle Staatspolizeileitstellen mit Richtlinien für den Ablauf der Aktion und den angeblichen Volkszorn.

Was dann folgte spielte sich überall in Deutschland nach dem gleichen Muster ab - wenn auch nicht überall genau zur gleichen Zeit und mit gleicher Intensität. Wie in anderen Städten auch, gab die Gauleitung des Gaus Koblenz-Trier die Anweisungen für die sog. Judenaktion an die einzelnen Ortsgruppen weiter. Daraufhin bestellten die jeweiligen Ortsgruppenleiter bzw. deren Geschäftsführer ihre für den Ortsgruppenbereich zuständigen Leiter in die Geschäftsstelle der Ortsgruppe. Dann gaben sie die Weisung, jüdische Geschäfte, Wohnungen und auch die Synagoge zu zerstören bzw. zu verwüsten. 

So weit bekannt, begann der Pogrom in Koblenz mit den Verwüstungen in der ehemaligen Synagoge „Bürresheimer Hof“.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die damals aufblühende Gemeinde ihr Zentrum hier, in einem im Renaissancestil um 1660 errichteten Adelshof. 1850 erwarb ihn die jüdische Gemeinde, baute ihn um und weihte ihn im Folgejahr ein. Das Gebäude hatte außer dem Synagogenraum zwei Säle und Unterrichtsräume, in denen die Kinder in jüdischer Religion, Geschichte des jüdischen Volkes und hebräischer Sprache unterrichtet wurden, sowie die Rabbiner- und Kantorwohnung.

Die ehemalige Koblenzer Synagoge im Bürresheimer Hof auf dem Florinsmarkt
(Quelle: Stadtarchiv Koblenz)

Entsprechend diesen Anweisungen verwüsteten gegen 3 Uhr morgens in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 Trupps von SA und SS und Parteimitglieder die Synagoge. 

Es wurde die gesamte Inneneinrichtung zerstört, das Inventar, liturgische Gerätschaften, Bänke wurden aus den Fenstern auf den Florinsmarkt geworfen. Dabei wurden natürlich auch die Scheiben eingeschlagen. 

Das Innere der ehemaligen Koblenzer Synagoge, vor dem Umbau im Jahr 1923. 

Die Nachbarschaft stand an den umliegenden Fenstern und schaute der Zerstörung zu. Anders als viele andere Synagogen in Deutschland wurde diese hier nicht in Brand gesetzt. Das geschah, um die Gebäude in der unmittelbaren Umgebung nicht zu gefährden.

  Die ehemalige Koblenzer Synagoge mit der umliegenden Bebauung, die eine Inbrandsetzung verhinderte.
(Quelle: Stadtarchiv Koblenz).

Später erinnerte sich ein früherer Schüler des Kaiserin-Augusta-Gymnasiums (heute: Görres-Gymnasium) an den Tag danach und sagte: 

„An einem Novembertag hieß es in der Schule: Ihr müsst zum Florinsmarkt, dort hat man die Synagoge zerstört. In der großen Pause eilten wir vom Augusta-Gymnasium zum nahen Florinsmarkt. Der Platz war in seinem unteren Teil, zwischen Bürresheimer Hof (dem Sitz der Synagoge) und dem Alten Kaufhaus, mit Trümmern übersät. Ich erinnere mich an Teile von Stühlen und Bänken, an Glas- und Porzellanscherben, an verbeulte Metallkannen. Um diese Trümmer hatte sich eine Menge Schaulustiger versammelt. Keiner sprach ein Wort – ich weiß noch, dass mir diese Stille unheimlich, geradezu gespenstisch vorkam. Überall sah man auch Männer in brauner Uniform mit der roten Hakenkreuzbinde. Ab und zu flog noch ein Stück Mobiliar aus der Synagoge auf den Platz und zerbarst (dies Krachen und Splittern ist mir bis heute im Ohr geblieben). Ich sah zu den Fenstern der Synagoge hoch. Es waren, glaube ich, zwei hohe runde Doppelfenster, wie es auch Kirchenfenster sind. Die Scheiben waren zerbrochen, etliche Scherben farbigen Glases hingen noch in den Rahmen und klirrten ab und zu – dies Klirren habe ich nicht vergessen und auch nicht, dass ich dachte: es ist eine Kirche, die man zerstört hat. Das Barockportal, das heute zur Stadtbibliothek und zur Gedenkstätte führt, saß damals auf der Gebäudeseite, wo der Synagogeneingang war. Ich weiß es, weil ich dorthin ging, um einen Blick in die Synagoge selbst zu werfen. Doch vor dem Eingang standen Männer in brauner Uniform mit der roten Hakenkreuzbinde. (…). Erst viel später wurde mir mein Empfinden (…) damals bewusst. Dieser Anschlag gegen den Tempel der Juden ist ein Anschlag gegen Gott selbst.“ 

Weitere Informationen zu Bürresheimer Hof erhalten sie unter:
https://www.mahnmalkoblenz.de/index.php/die-staetten-der-verfolgung/staetten-der-verfolgung-innerhalb-von-koblenz/003-die-synagoge