2. Station: An der Liebfrauenkirche 11 – Familie Otto und Flora Daniel und ihre Tochter Juliane.
Verlassen wir nun den Florinsmarkt und gehen in die Gemüsegasse hinein. Diese kleine Gasse gehen wir bis zum Ende und biegen in die Straße „An der Liebfrauenkirche“ rechts ein.

Nach wenigen Schritten kommen wir zum Haus An der Liebfrauenkirche 11. Hier wohnten die jüdischen Familien Daniel. Das waren zum einen die Eheleute Simon und Olga Daniel und zu anderen deren Sohn Otto und dessen Ehefrau Flora und deren Tochter Juliane. Für die Familie Otto Daniel liegen hier drei Stolpersteine.

3 Stolpersteine für die Familie Daniel, für den Vater Otto, die Tochter Juliane und die Mutter Flora.
Die Daniels waren seit Jahrzehnten in Koblenz ansässig. Schon Ottos Vater Simon, auf den wir nachher noch kommen werden, betrieb hier in dem eigenen Haus eine Metzgerei. Im Haus wohnte auch Otto mit seiner Familie. Otto war ebenfalls Metzger und half seinem Vater. Viel wissen wir über die Familien Daniel aus dieser Zeit nicht. Die noch existierenden Fotos lassen aber annehmen, dass sie eine glückliche und friedliche Zeit in Koblenz hatten.

Familie Simon Daniel bei einem Ausflug

Juliane Daniel, um 1940
(Quelle: Stadtarchiv Koblenz).
Die Metzgerei Daniel war stadtbekannt und geschätzt für gute Waren. Wie ein anderer Koblenzer Jude später berichtete, waren die Würstchen vom Metzger Daniel nicht nur die allerbesten in Koblenz, er habe auf allen seinen Reisen durch die Welt nirgendwo nochmals so gute schmackhafte Würstchen gegessen.
Den örtlichen Nazis war die Metzgerei Daniel deshalb ein Dorn im Auge. Wiederholt veranlassten sie Kontrollen der Gewerbepolizei wegen angeblicher Missstände. Im Juni 1938 schloss die Polizei die Metzgerei komplett. Dazu hieß es in einem Artikel des „Koblenzer Nationalblatts“ unter der Überschrift: „Ein Schmierjude unschädlich gemacht. Die Metzgerei Simon Daniel wurde polizeilich geschlossen“. Dies und der ganze Bericht waren Fake News, um diesem offenbar sehr guten und beliebten Metzger Daniel endgültig den Garaus zu machen. Denn bezeichnenderweise hieß es in dem Zeitungsartikel am Ende auch: „An Hand der vorgefundenen Bücher konnte übrigens festgestellt werden, dass es heute immer noch Volksgenossen gibt, die sich nicht schämen, bei Juden zu kaufen.“ – Man fragt sich, warum bei diesen angeblich katastrophalen Zuständen auch nach Jahr und Tag noch „Arier“ bei dem Juden Daniel kauften, und das, obwohl sie deswegen von den Nazis in der Öffentlichkeit immer wieder bloßgestellt wurden!
Wenige Wochen später fand der Novemberpogrom statt. Davon waren in diesem Haus auch der Sohn der Eheleute Simon und Olga Daniel Otto und dessen Ehefrau Flora und deren Tochter Juliane betroffen. Der Familie Otto Daniel zerschlug ein Trupp Nazis die ganze Wohnungseinrichtung – und das, während die 12-jährige Tochter Juliane krank im Bett lag und laut schrie.
Ab 1939/40 wurde dieses Haus zu einem „Judenhaus“ umfunktioniert. Es war eins von ca. 18 Häusern in Koblenz, das Juden gehörte und in die jüdische Mieter eingewiesen wurden, die dann unter sehr beengten und schwierigen Verhältnissen leben mussten.
3 ½ Jahre später wurden Otto, Flora und ihre Tochter Juliane mit der 1. Deportation von Koblenz aus am 22. März 1942 in das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin im von Deutschland besetzten Polen, dem „Generalgouvernement“, verschleppt.

Seite 1 der Deportationsliste 22. März 1942,
Otto, Flora und Juliane: Nr. 39,40 und 41 auf der Liste.
In dem Ghetto kamen alle drei um oder wurden – wenn sie den Aufenthalt und die Morde dort noch überlebt hatten – in das nahe gelegene Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort mit Motorabgasen ermordet.
Auch die Eltern Otto Daniels, Simon und Olga Daniel, kamen in den Holocaust. Die beiden alten Leute wurden mit der 4. Deportation von Koblenz aus am 27. Juli 1942 in das sog. Altersghetto/Konzentrationslager Theresienstadt in der Nähe von Prag in Tschechien verschleppt.

Seite 1 der Deportationsliste vom 27. Juli 1942,
Olga und Simon Daniel Nr. 11 und 12 auf der Liste.
Dort blieben sie nur sechs Wochen. Dann deportierte man sie weiter in das Vernichtungslager Treblinka und ermordete sie mit Motorabgasen.

Karteikarte von Theresienstadt betr. Simon Daniel mit dem Deportationsvermerk
19. September 1942 (Quelle: Excl. Lizenz: Digitales Archiv, ITS Bad Arolsen)

Karteikarte von Theresienstadt betr. Olga Daniel mit dem Deportationsvermerk
19. September 1942 (Quelle: Excl. Lizenz: Digitales Archiv, ITS Bad Arolsen)
