4. Station: Plan 20 – Betty Vogel
Wir gehen jetzt die Marktstraße weiter und biegen dann links auf den Platz „Am Plan“ ein.

Hier am Plan 20, wo heute das Geschäft „Yasi who…?“ steht, gab es früher ein Miedergeschäft, das von zwei Frauen betrieben wurde. Eine der beiden war die Jüdin Betty Vogel. Am Morgen des 10. November 1938 ging eine Nichtjüdin mit einem Kollegen zur Arbeit durch Koblenz und kam auch hier vorbei. Später berichtete sie darüber, was sie sah und empfand:
„Ich ging eines kühlen und nebligen Novembermorgens um 7.30 Uhr ahnungslos zur Arbeit. Ich bog von der Herz-Jesu-Kirche in die Löhrstraße ein und traf gegenüber dem Kaufhof einen Kollegen.
Ich schaute nach links und sah einen zerstörten Laden. Die Fensterscheiben waren zerbrochen. Ich blickte meinen Kollegen an und rief: „Um Gottes Willen!“ Und dann konnte ich nicht weitersprechen. Der Schreck saß mir in allen Gliedern. Ich hatte inzwischen noch weitere zerstörte Geschäfte erkannt. Der Kollege sagte: „Hier ist ja Furchtbares passiert!“ Rechts und links schauend, wurde uns immer deutlicher, dass dieser schreckliche Vorgang, die Zerstörung so vieler jüdischer Geschäfte, ein schlimmes Fanal war.
Als wir in den Plan einbogen, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich wenige Tage vorher dort in einem kleinen Korsettgeschäft eingekauft hatte. Es war in der Absicht geschehen, dem Inhaber oder der Inhaberin meine Sympathie und Solidarität zu zeigen, denn an ihrem Schaufenster prangte das berühmt-berüchtigte weiß-rote Plakat: „Kauft nicht bei Juden!“ Damals war ich spontan in den kleinen Laden gegangen, um mir einen Hüfthalter zu kaufen. Das war meine innere Gegenwehr gegen die diskriminierende Beschriftung gewesen. Da mir die Zeit zum genauen Aussuchen gefehlt hatte – ich musste pünktlich an der Arbeitsstelle antreten -, gab mir die Verkäuferin zwei Hüfthalter mit nach Hause. Ich gab ihr dann 50 Mark, und meine genaue Anschrift wurde in einem Buch vermerkt. Am darauffolgenden Tag hatte ich dann meinen Kauf zu meiner Zufriedenheit getätigt.
Jetzt aber, nach dieser Nacht der Zerstörung, war dieses Geschäft demoliert. Die kleine Türe und das kleine Fenster waren eingeschlagen. Waren lagen noch nicht auf der Straße. Das sollte später folgen.
An meinem Arbeitsplatz angekommen, rief ich sofort das betreffende Geschäft an. Statt der Inhaberin Betty Vogel meldete sich eine Männerstimme. Daraufhin hängte ich ein. Ich wusste, dass es ein Polizeimann sein musste.
Auf meinem Rückweg von der Arbeit sah ich noch mehrere zerstörte jüdische Geschäfte. Mir wurde bewusst, dass dies der Anfang der Vernichtung der Juden war. Die geringe zuschauende Bevölkerung war stumm geblieben. Entrüstete Ausrufe waren nicht zu vernehmen gewesen, aber auch nicht zustimmende. Ich wartete vergebens auf Proteste; die blieben aber aus. Eine gespenstige Atmosphäre hatte über diesem Morgen und diesem Tag gelegen.“
