6. Görgenstraße --- Familien Bernd „Balduinstraße 41“
Wir überqueren jetzt die Görgenstraße und gehen in Richtung Zentralplatz. Dort liegen an der Grenze des Hauses Görgenstraße 11 (Koblenzer Wohnbau) und der Clemensstraße 32 ( Hotel "Super 8 by Wyndham Koblenz") insgesamt sieben Stolperstein.

Sie sind für die beiden jüdischen Familien Bernd verlegt, für Alfred und Sally Bernd und deren Familien.
Vier Stolpersteine sind für die Familie Alfred Bernd.

4 Stolpersteine für die Familie Alfred Bernd,
für Vater Alfred, Mutter Else, geb. Dachauer, und deren Zwillinge Johanna und Bernhard.
und drei Stolpersteine für die Familie Sally Bernd.

3 Stolpersteine für die Familie Sally Bernd,
für Vater Sally, Mutter Paula, und den Sohn Adolf (Addi)
Alfred und Sally Bernd waren Brüder, sie betrieben das Schuhhaus Bernd, das ihr Vater um 1880 hier gegründet hatte. Die Adresse war Balduinstraße 41.

Schuhhaus Gebrüder Bernd Balduinstraße 41/Ecke Görgenstraße.
Das war hier an der Einmündung der Balduinstraße in die Görgenstraße. Diese Balduinstraße gibt es heute nicht mehr. Sie lief parallel zur Clemensstraße, etwa hier auf der Höhe der Rathauspassage. Durch das Löhr-Center ist eine Neuordnung entstanden und die Balduinstraße verschwunden.

Alter Stadtplan der Altstadt: In der Mitte von die Görgenstraße,
rechts von unten kommend die Einmündung der Balduinstraße in die Görgenstraße, links mit der Hausnummer 41.
Wie gesagt die Brüder Sally und Alfred Bernd hatten hier ein Schuhgeschäft. Von einem Augenzeugen, einem 10-jährigen jüdischen Jungen, wissen wir, dass alle Schaufenster des Geschäfts eingeschlagen waren und die Schuhe verstreut auf der Straße lagen. Nebenan gab es ein Seifengeschäft, Krepele, das Geschäft gibt es heute als Parfümerie in der Löhrstraße. Bei diesem Geschäft hatte sich der Trupp in seiner Zerstörungswut geirrt, denn die Geschäftsleute waren keine Juden, sondern „Arier“. Trotzdem hatten sie dort das ganze Seifenpulver geklaut und es über die Schuhe ausgeschüttet, alle Schuhe waren weiß.
Über dem Geschäft wohnte der Mitinhaber Alfred Bernd mit seiner Familie, mit seiner Frau Else und den 1926 geborenen Zwillingen Bernhard und Johanna.

Die Bernd-Zwillinge Johanna und Bernhard.
Alfred Bernd wurde misshandelt und nur mit Pantoffeln und dem Nachthemd bekleidet, von mehreren Männern auf die Straße gezerrt. Dem Trupp hatte sich ein Anwohner der Görgenstraße namens Johann Dietz angeschlossen und dann bei den Misshandlungen mitgemacht.

Alfred Bernd.
Dabei beschimpfte er Bernd mit den Worten: „Du stinkender Jude“. Schließlich fiel Bernd vor ihm auf die Knie und flehte ihn an, ihn als alten Koblenzer Bürger doch in Ruhe zu lassen, und sagte zu Dietz: „Ich war doch auch im Krieg.“ Trotzdem trieb Dietz Bernd weiter und versetzte ihm einen Fußtritt.
Berichtet wird auch, dass ein älteres jüdisches „Fräulein“ – wie man früher so sagte - von mehreren Männern gewaltsam durch die Balduinstraße geführt wurde. Später kommentierte eine Altstädterin die Geschehnisse mit den Worten: „Die Balduinstraße war in der ‚Reichskristallnacht‘ voller Leute, die viele Dinge aus den zerschlagenen jüdischen Geschäften gut gebrauchen konnten.“
Der andere Mitinhaber des Schuhgeschäfts Sally Bernd wohnte mit seiner Familie nicht hier beim Geschäft, sondern in der Löhrstraße 123

Sally Bernd mit Ehefrau Paula
und Sohn Adolf (Addi).
Die Stolpersteine für ihn und seine Frau Paula und den Sohn Addi sind aber hier verlegt. Auch die Wohnung dieser Familie Bernd wurde verwüstet.
Im Rahmen des Pogroms wurden beide Ehemänner und Väter, Alfred und Sally Bernd, festgenommen und in das Gefängnis in der Karmeliterstraße gebracht. Mit über 100 weiteren Koblenzer Männern verschleppte man sie in das Konzentrationslager Dachau. Nach einigen Wochen ließ man sie wieder frei. Die KZ-Haft war von Anfang an nicht auf Dauer vorgesehen. Sie sollte „nur“ vorübergehend sein, Angst und Schrecken verbreiten und zur Flucht ins Ausland veranlassen.

Karteikarte des Konzentrationslagers Dachau betr. Alfred Bernd (Häftlingsnummer: 26993)
(Quelle: Lizenz: Digitales Archiv, ITS Bad Arolsen).
Die Bernds flohen aber nicht und hofften, dass der böse „Spuk“ bald vorüberginge. So war es aber nicht. Vielmehr ging die Verfolgung bis zur Ermordung weiter. Beide Familien gingen mit der 1. Deportation von Koblenz aus am 22. März 1942 „auf Transport“ in das Durchgangsghetto Izbica bei Lublin und kamen dort oder im Vernichtungslager Sobibor um. Von ihnen überlebte nur Addi Bernd, der schon einige Zeit zuvor in Köln in der Vorlehre war. Von dort aus wurde Addi Bernd nach Auschwitz deportiert. Als junger Mann überlebte er den Holocaust. Er kehrte als einziger Holocaust-Überlebender nach Koblenz zurück und war unmittelbar nach der Befreiung Organisator und erster Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz.

Addi Bernd (Ende der 1940er Jahre)
Weitere Informationen zu Addie Bernd erhalten sie unter:
https://www.mahnmalkoblenz.de/index.php/die-dauerausstellung/044-addie-bernd-juedischer-junger-mann-aus-koblenz
