7. Station: Görgenstraße 31 (heute Görgenstraße 1) - Kurt Rosenblatt 

Hier ganz in der Nähe auf der gegenüberliegenden Seite der Görgenstraße lag noch vor einigen Jahren ein Stolperstein für Kurt Rosenblatt.. 

Dieser einzelne, heute 2022 hier nicht mehr zu sehende Stein erinnert letztlich an eine ganze jüdische Koblenzer Familie. Damit das Schicksal auch dieser Familie nicht vergessen wird, wollen wir mit einem "fiktiven Stolperstein" an Kurt Rosenblatt und seine Familie erinnern.

Ein Bild von Googles "Street-Map (2018)" belegt den Stolperstein für Kurt Rosenblatt, Görgenstraße 1 (früher: 31).

(Fiktiver) Stolperstein für Kurt Rosenblatt.

Kurt Rosenblatt wurde am 16. Dezember 1916 in Koblenz als Sohn der Eheleute Karl (*1891) und Rosa Rosenblatt, geb. Siegmann (*1889), geboren. Sein Vater Karl stammte aus Berlin, seine Mutter Rosa aus dem Ort Mogendorf im damaligen Unterwesterwaldkreis. Kurt hatte noch eine ein oder zwei Jahre ältere Schwester, Irene. Zur Familie gehörten außerdem die Mutter seiner Mutter, seine Großmutter Therese, sowie zwei Tanten, die Schwestern seiner Mutter, Berta (verheiratete Gutendorf) und Hedwig (verheiratete Schmitz).


Kurt Rosenblatt mit seiner älteren Schwester Irene.

Die Eltern hatten sich scheiden lassen, Kurt lebte mit seiner Schwester Irene, seiner Mutter Rosa und seiner Großmutter Therese hier in der Görgenstraße 31.

 
Kurt Rosenblatts Großmutter Therese Siegmann mit Kurts Schwester Irene (links).

Damals war die Bebauung noch ganz anders als heute. Damals stand hier ein recht kleines Privathaus. Im 1. Stock wohnten die Rosenblatts und im Erdgeschoss hatte die Mutter ein kleines Textilgeschäft. 

Vom Leben der Familie Rosenblatt wissen wir nichts Näheres. Es gibt aber einen Bericht der Tochter Irene darüber, was der Familie beim Novemberpogrom, der sog. Reichspogromnacht am 9./10. November 1938, geschehen ist. Damals war Irene bereits 23 Jahre alt und arbeitete in einem jüdischen Haushalt in Köln. Später erzählte sie, wie sie in Köln von dem Pogrom erschüttert hörte und sich dann auf den Weg nach Koblenz machte:

Als ich dort (in Köln, Erg. d. A.) von den entsetzlichen Zerstörungen von Synagogen, Geschäften und auch Privathäusern sowie von den unmenschlichen Behandlungen von jüdischen Mitbürgern zum Teil mit Todesfolge hörte, habe ich sofort um meine Mutter und meinen Bruder Kurt in Koblenz gebangt. Sofort am Morgen des 10. November 1938 fuhr ich mit dem Zug in meine Heimatstadt. Mit großem Bangen lief ich zu meinem Elternhaus, und in unserer Wohnung fand ich ein entsetzliches Chaos vor. Alle Zimmer waren zerstört: die Küche, das Wohnzimmer und die Schlafzimmer. Die Möbel waren mit Gewalt zerstört worden, die Betten aufgeschlitzt, die Lebensmittel unbrauchbar.

Ich konnte eigentlich gar nicht begreifen, was da geschehen war und vor allem warum. Fassungslos stand ich vor der unsinnigen Zerstörung in unserem Familieneigentum. Ich rief nach meiner Mutter. Aber sie antwortete nicht. Wo war sie? Was war mit ihr geschehen? Ich hatte so viel Schreckliches gehört, dass mich nun eine große Angst um meine Familienangehörigen erfasste. Ich lief zu unseren Nachbarn und erkundigte mich. Aber niemand wusste etwas. Sie warnten mich und rieten mir wegzulaufen, weil es hier sehr gefährlich sei. Ich eilte voll Angst zu Freunden und Bekannten. Alle standen unter dem Eindruck dieses wahnsinnigen Tages. Von meiner Mutter wussten sie leider nichts. Traurig musste ich die Suche aufgeben, mich der Qual der Ungewissheit und Angst überlassen. 

So verließ ich an diesem trostlosen Tag eine völlig demolierte Wohnung und fuhr nach Köln an meine Arbeitsstelle zurück. Erst später erfuhr ich, dass meine Mutter bei einer Freundin rettenden Unterschlupf gefunden hatte. Sie hatte unsere Wohnung fluchtartig verlassen müssen, als vier SS-Männer eingebrochen waren und wie Wahnsinnige gewütet hatten.

Spätestens dieser Pogrom war den Rosenblatts eine ganz fürchterliche Warnung: Kurt floh in die Niederlande oder war schon zuvor dorthin geflohen. Seine Schwester Irene folgte ihm von Köln aus im nächsten Jahr.


 
Kurts Mutter Rosa mit seiner Schwester Irene. 

Auch der Vater der beiden, Karl, lebte inzwischen in Amsterdam. Er hatte dort Frieda Weil, ebenfalls eine Jüdin, geheiratet. Kurts Tante Hedwig konnte noch rechtzeitig nach Brasilien emigrieren. Die andere Tante, Berta, blieb in Koblenz weiterwohnen. Sie war mit einem Katholiken verheiratet, lebte also in einer sog. Mischehe und konnte dadurch überleben. Nicht so relativ geschützt war Kurts Mutter Rosa. Trotzdem blieb sie hier wohnen. Schon bald wurde sie aber – wie andere Juden auch – aus ihrer Wohnung herausgedrängt und musste nach Koblenz-Ehrenbreitstein umziehen – in die Wambachstraße 191. Das war ein sog. Judenhaus, in dem Menschen jüdischer Herkunft zwangsweise und auf engstem Raum wohnen mussten. Dort heiratete Kurts Mutter Rosa den deutlich älteren Leo Mayer, der aus Mülheim (heute: Mülheim-Kärlich) stammte und ebenfalls in dem „Judenhaus“ einquartiert war. 

Dann geriet die Familie Rosenblatt in den Völkermord an den Juden Europas. Dieser war ja mit einem nicht feststellbaren Befehl höchstwahrscheinlich von Hitler beschlossen und dann auf der sog. Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 in Berlin organisatorisch besprochen worden. Im Zuge dessen wurden Rosa Rosenblatt und ihr zweiter Ehemann Leo Mayer von Ehrenbreitstein mit der 4. Deportation am 27. Juli 1942 in das „Altersghetto“/Konzentrationslager Theresienstadt in Böhmen verschleppt. Von dort musste Rosa Rosenblatt-Mayer am 18. Mai 1944 auf Transport in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und wurde mit Giftgas ermordet.

Rosa Rosenblatts erster Ehemann, Kurts Vater Karl, hatte inzwischen nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen und angesichts der auch ihm drohenden Deportation in Amsterdam im Jahr 1943 Selbstmord begangen. Seine Frau Frieda wurde verhaftet und in dem von der deutschen Besatzung verwalteten holländischen Durchgangslager Westerbork interniert. Von Westerbork aus wurde sie am 3. März 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und bei der Ankunft drei Tage später mit Giftgas ermordet. 

Karl Rosenblatts Sohn Kurt, für den hier der Stolperstein verlegt wurde, geriet ebenfalls in die Verfolgung, wurde auch verhaftet und in Westerbork interniert. Dort im Lager heiratete er noch die jüdische Holländerin Dora de Koning. 

Kurt und Dora Rosenblatt bei ihrer Hochzeit im Durchgangslager Westerbork. 

Während es Dora Rosenblatt gelang, den Holocaust zu überleben, wurde Kurt im Jahr 1943 nach Auschwitz deportiert.

Schild der Todeszüge von Westerbork nach Auschwitz-Birkenau (Quelle:HIER).

Dort wurde er nicht schon bei der Ankunft ermordet, sondern kam am 15. September 1944 ums Leben. 

Kurts ebenfalls in die Niederlande geflohene Schwester Irene, inzwischen verheiratete van der Oest, konnte der Festnahme und Deportation noch entgehen und in Holland untertauchen, sie überlebte. 

Nachzutragen ist, dass Kurts Cousine Ruth, die Tochter seiner Tante Hedwig, mit ihrem Ehemann Erich Haas nach Belgien geflohen war und nach der Besetzung Belgiens durch die Deutschen (freiwillig oder gezwungen) nach Frankreich gelangte. Dort wurde sie (zuletzt) in dem Durchgangslager Drancy bei Paris interniert.

Durchgangslager Drancy bei Paris, 1941 (Quelle: HIER).

Von Drancy aus wurde Kurts Cousine Ruth mit dem Transport Nr. 60 am 7. Oktober 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und am selben Tag mit Giftgas ermordet.

 

Selektion auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau, Mai 1944 (Quelle:Yad Vashem.)